Suedosteuropa EDC Newsletter

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Ausgabe Nr. 5,  Dezember 2005

Vorwort der Herausgeberin

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

haben Sie den Begriff „Mehrebenen-Bürger“ schon einmal gehört? Ich nicht, und deshalb fand ich den Beitrag von Prof. Dr. Schumann von der Universität Tübingen auch sehr spannend, als ich ihn bei einer Seminarveranstaltung im November in Tirana gehört habe.

Ich habe Prof. Schumann dafür gewinnen können, seinen Vortrag als Beitrag für unseren Newsletter umzuarbeiten und freue mich, Ihnen diesmal dieses nicht ganz einfache Thema „Herausforderungen für die politische Bildung im 21. Jahrhundert“ anbieten zu können – gewissermaßen als Stoff zum Nachdenken über die Winterferien.

 

 

Daneben möchte ich Ihnen eine Initiative aus Bosnien-Herzegowina vorstellen: die NGO Independent aus Zenica. Die Organisation ist auch für andere Länder in Südosteuropa relevant, weil sie das international anerkannte Handbuch „Kompass“ (Menschenrechtsbildung für Jugendliche) übersetzt hat und fortlaufend Multiplikatoren ausbildet. Independent hat also auch jenseits der Grenzen von Bosnien-Herzegowina etwas zu bieten. Wer „Kompass“ nicht kennt, ist herzlich eingeladen, dieses ungewöhnliche Lehrwerk im Internet einmal genauer anzuschauen. Es lohnt sich!

Im Zuge meiner Recherchen stieß ich auf die Initiative 21 aus Tuzla und entdeckte zufällig ein kleines Menschenrechtsportal, das auch für Sie durchaus von Nutzen sein kann. Was Sie dort finden, beschreibe ich im dritten Teil dieser Ausgabe.

Ich wünsche Ihnen alles Gute fürs Neue Jahr und grüße Sie sehr herzlich

Ingrid Halbritter
 


INHALT

wir stellen vor: NGO Independent

Independent nennt sich eine Organisation in Zenica in Zentralbosnien, die dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag feiert. Ihre Spezialität ist die Arbeit mit „Kompass“ – das prominente Handbuch zur Menschenrechtsbildung des Europarats.

zum beispielHerausforderungen für die Demokratie-Bildung im 21. Jahrhundert

Der demokratische Bürger soll am politischen Leben teilnehmen – aber hat er überhaupt so viel Einfluss, wie er glaubt? In einer Zeit, wo Demokratie-Bildung in der europäischen Debatte Hochkonjunktur hat, stößt uns Dr. Schumann von der Universität Tübingen auf eine bedenkliche Tatsache: der Nationalstaat verliert zunehmend an politischem Einfluss, und damit der Bürger an echten Partizipationschancen.

im web: Menschenrechte im Internet: www.ljudskaprava.com

Die NGO Initiative 21 aus Tuzla hat im Rahmen eines Jugendprojekts ein kleines Portal für Menschenrechtsbildung aufgebaut, auf dem die Online-Version von „Kompass“ und eine umfangreiche Linkliste zu finden sind.

impressum

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wir stellen vor:

Die Organisation Independent in Zenica/Bosnien-Herzegowina

Ingrid Halbritter

Wenn man in den Büroraum von Independent in der Fakultät für Maschinenbau von Zenica tritt, denkt man sofort: Hier sieht es nach Arbeit aus! Die Wände sind gepflastert mit Postkarten, Photos von Seminaren, Postern und Urkunden. Viel zu ordentliche Büros sind verdächtig, zu chaotische ebenso, doch hier herrscht eine gesunde Mischung.

Independent ist – wie viele Nichtregierungsorganisationen – die Frucht des Engagements einzelner Menschen. Bereits am Anfang der Kriegswirren in Bosnien-Herzegowina begannen ein paar Juristen in der Stadt Zenica in Zentralbosnien, Mitbürger, die wegen ihrer Religion und nationalen Zugehörigkeit um ihre Wohnungen, Häuser, Arbeitsplätze und sozialen Rechte kämpften, mit kostenloser Rechtsberatung zu unterstützen.

Im März 1995 registrierten sie Independent und erhielten zwei Jahre später die erste Projektförderung von der Vertretung der Europäischen Kommission und Soros. Im gleichen Jahr mieteten sie einen kleinen Büroraum an der Universität von Zenica an und begannen allmählich, ihre Aufgaben rund um das Thema Menschenrechte zu erweitern. So gehört Independent seit 1998 zu einer festen Gruppe von NGOs, dem so genannten „Netzwerk Auge“, die in BiH Wahlbeobachtung und Wahlberichterstattung machen.

Im gleichen Jahr begann Independent, verschiedene Rundtisch-Gespräche in ganz Bosnien-Herzegowina zu organisieren, bei denen Lokalpolitiker, Vertreter von lokalen NGO, Medien, Polizei und Justiz sowie Vertreter der Internationalen Gemeinschaft über Themen wie Flüchtlingsrückkehr und Rückgabe von Eigentum an Vertriebene diskutierten.

Der Besuch eines Kurses über Menschenrechte brachte die Idee hervor, Jugendliche zu mobilisieren. Independent brachte eine Gruppe von etwa 20 Jugendlichen zusammen, die sich Independent Junior nannte, und die als Freiwillige oder Praktikanten mitarbeiteten und eigene kleine Projekte durchführten. Sie gründeten beispielsweise eine Jugendzeitschrift, organisierten Gespräche mit anderen Jugendlichen und engagierten sich für Umweltschutz. Heute sind noch sechs junge Menschen aus diesem Kreis aktiv, die gelegentlich auf Honorarbasis als Wahlbeobachter und Trainer arbeiten

Aus diesem Projekt ist eine bleibende Struktur entstanden, ein so genannter „Teledom“ in dem kleinen Ort Nemila bei Zenica, also eine Einrichtung, die Bürger und NGOs mit Bürogeräten, Zugang zum Internet und Bildungsangeboten unterstützt (siehe http://www.teledom.org/nemila/).

Im Zentrum der Arbeit von Independent stehen jedoch nach wie vor die Menschenrechte im engeren Sinne. Dies wird im Moment durch zwei Projekte praktisch umgesetzt. Zum einen ist Independent in einem mehrjährigen, regionalen Projekt einer von sechs Partnern, die sich für die Verbesserung von Minderheitenrechten in Südosteuropa einsetzt. Dieses Projekt wird unter dem Dach der Organisation Minority Rights Group International (www.minorityrights.org) durchgeführt und von der britischen Regierung finanziert. Die einzelnen Aktivitäten reichen von der Berichterstattung über die rechtliche Situation von Minderheiten bis zur Übersetzung von Handbüchern und Seminarveranstaltungen, wo gezeigt wird, wie man sich für Minderheitenrechte einsetzen kann.

Das zweite, große Projekt ist die Weiterbildung von Multiplikatoren für Menschenrechtsbildung, und zwar mit Hilfe des Handbuchs „Kompass“. Dieses Handbuch mit über 400 Seiten Umfang wurde vom Europarat im Jahr 2002 veröffentlicht und gilt als eines der umfassendsten Werke für Praktiker, die mit Jugendlichen oder jungen Erwachsenen arbeiten.

Das Herzstück dieses Buches mit seinen fünf Kapiteln sind 49 detaillierte Anleitungen für Lerneinheiten zu unterschiedlichen Themen, die eines gemeinsam haben: sie sind für die Menschenrechtsbildung relevant. Neben den Praxisanleitungen findet der Multiplikator Hinweise auf Informationsquellen, praktische Tipps, Kopiervorlagen für Arbeitsblätter und andere notwendige Arbeitsmaterialien. In den anderen Kapiteln stehen Hintergrundinformationen zu den Menschenrechten, zu ausgewählten Themen sowie alle internationalen Menschenrechtsinstrumente.

„Kompass“ wurde bereits in viele Sprachen übersetzt und steht im Internet auf Englisch, Französisch, Russisch und Arabisch als Online- und Download-Versionen zur Verfügung (siehe www.coe.int/compass). Dort finden Sie auch eine Liste mit den Kontaktdaten derjenigen Organisationen, die das Handbuch übersetzt haben und es vertreiben (http://eycb.coe.int/compass/other.html). Neben einer Sprachversion für Bosnien-Herzegowina gibt es in Südosteuropa derzeit Kroatisch, Rumänisch und Slowenisch. Nach Auskunft von Independent ist eine serbische Version in Vorbereitung.

Independent hat die Übersetzung für Bosnien-Herzegowina im Frühjahr 2005 fertig gestellt und 750 Exemplare drucken lassen. Ein Exemplar kostet umgerechnet 20 Euro und kann direkt bei Independent bestellt werden (siehe Kontaktdaten weiter unten). Eine Online-Version steht auf der Website http://www.ljudskaprava.com/kompas/index.htm. Es gibt keine Download-Version; man kann aber im Notfall die Online-Version ausdrucken. Im Sommer 2005 wurde „Kompass“ vom Bildungsministerium der Föderation BiH auf die Liste der autorisierten Lehrbücher für Grund- und Mittelschulen sowie Gymnasien aufgenommen und darf damit offiziell in Schulen verwendet werden.

Ein Jahr zuvor hat die kroatische Organisation „Europski Dom“ in Slavonski Brod „Kompass“ auf Kroatisch übersetzt und bietet auf der Webseite http://www.europski-dom-sb.hr/clanak1000-0-0006.htm die einzelnen Kapitel als Download im pdf-Format an.

Independent organisiert mit seinen vier erfahrenen Trainern jedes Jahr zwei bis drei mehrtägige Fortbildungen für Multiplikatoren, die mit „Kompass“ in der Schule und in der außerschulischen Jugendbildung arbeiten wollen. Das Training wird methodisch nach dem Prinzip „learning by doing“ gestaltet, das heißt, die Teilnehmer springen ins kalte Wasser: sie bereiten während des Kurses selbstständig Lerneinheiten vor und führen sie mit der Gruppe der Teilnehmer durch. In der anschließenden Reflexion erhalten sie konstruktives Feedback von den Trainern und Teilnehmern.

Abschließend noch einmal im Überblick, was Independent in Zenica anderen Organisationen in Südosteuropa anbieten kann:

Im Bereich Menschenrechtsbildung:

  • Informationen über die Zusammenarbeit mit dem Europarat bei der Übersetzung von Kompass und der Ausbildung von Trainern. Wer Kompass übersetzen will oder Trainer ausbilden lassen möchte, sollte sich mit dem Europäischen Jugendzentrum in Budapest in Verbindung setzen. Link: http://eycb.coe.int

  • Verkauf des Kompass-Handbuchs für umgerechnet 20 Euro

  • Fortbildung von Multiplikatoren für die Verwendung von Kompass

  • Beratung von Multiplikatoren, die in der Menschenrechtsbildung tätig sind oder tätig werden wollen

Im Bereich Minderheitenrechte:

  • Fortbildungen für Angehörige von Minderheiten über Minderheitenrechte

  • Publikationen

Im Bereich Qualifizierung für Nichtregierungsorganisationen:

  • Fortbildungen und Publikationen

Kontaktdaten:

Independent - Zenica
Fakultetska 1
72000 Zenica, BiH
Telefon: +387 (0)32 440 390
Fax: +387 (0)32 440 391
e-mail (1):
indep@gmx.net
e-mail (2): indepze@yahoo.com
Webseite: http://indep.cjb.net
Kompass Online-Version: http://www.ljuskaprava.com


Ansprechpartnerin: Gordana Cicak, Projektleiterin (spricht Englisch)

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zum beispiel ...

Herausforderungen für die Demokratie-Bildung im 21. Jahrhundert

Prof. Dr. Wolfgang Schumann

Das vom Europarat 1997 ins Leben gerufene Projekt „Education for Democratic Citizenship“ (EDC) hat der politischen Bildung und Demokratieerziehung in den letzten Jahren zweifellos außerordentlich wichtige Impulse gegeben. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es zu zeigen, dass das diesem Konzept zugrundeliegende Modell, nämlich der Bürger eines demokratischen Nationalstaats, so nicht mehr mit der Realität übereinstimmt, weil sich die Rahmenbedingungen durch die Existenz der EU und durch die Globalisierung fundamental geändert haben. Diese beiden Phänomene stellen zentrale Herausforderungen für die politische Bildung des 21. Jahrhunderts dar, auf die wir reagieren müssen, wenn unsere Arbeit erfolgreich sein soll. Wie sieht das Vorgehen im Einzelnen aus?

  1. In einem ersten Schritt möchte ich mehr Verständnis für den Kontext wecken, in dem EDC arbeitet. Ich werde das anhand eines einfachen Modells tun, das die Politikwissenschaft verwendet, um die Zusammenhänge in (demokratischen) politischen Systemen abzubilden.

  2. Darauf aufbauend will ich zeigen, welche Grundannahmen im Rahmen des Modells bei der EDC-Initiative des Europarats als Grundlage dienen.

  3. Ich möchte weiterhin demonstrieren, dass eben diese Grundannahmen zum Teil falsch sind, dass sich vielmehr in Bezug auf sie grundlegende Veränderungen ergeben haben.

  4. Abschließend werde ich einige Überlegungen anstellen, was diese Veränderungen für unsere Arbeit in der politischen Bildung und Demokratieerziehung bedeuten.

1. Der Bürger im demokratischen politischen System — ein Modell

Beginnen wir also mit meinem kleinen Modell, das skizzenhaft veranschaulicht, worum es bei einem politischen System im Kern geht (Schaubild 1). Es geht darum, dass dieses politische System mit seinen verschiedenen Institutionen Gesetze erlässt, die verbindlich das Zusammenleben in einer Gesellschaft regeln (rote Teile des Schaubildes innerhalb des roten Rechtecks). Warum ist das notwendig? Nun, ganz einfach, weil ohne derartige Regelungen ein friedliches Zusammenleben gar nicht möglich wäre. So, wie das die roten Teile zeigen, kann allerdings auch ein autoritäres politisches System aussehen und funktionieren.

Was es zu einem demokratischen politischen System macht, zeigen die blauen Teile innerhalb des rot umrandeten Rechtecks. Die Tatsache nämlich, dass Bürger über die verbindlichen Entscheidungen, die ihr Leben bestimmen und denen sie zu folgen haben, in vielfältiger Weise mitbestimmen.

  • Beispielsweise dadurch, dass sie Regierungen/Parlamente wählen und — wenn sie mit deren Arbeit nicht zufrieden sind — wieder abwählen können.

  • Dadurch, dass sie — im Regelfall vermittelt über politische Parteien, Verbände und Medien — ihre Forderungen an das politische System stellen und auf nicht zufriedenstellende Gesetze reagieren können.

Damit ist das Bild aber noch nicht ganz vollständig, weil wir innerhalb des Gesamtsystems, das mit dem roten abgerundeten Rechteck nach außen abgegrenzt ist, natürlich nicht nur Bürger, politische Parteien, Verbände und Medien haben, sondern auch noch andere so genannte Subsysteme. Ich habe mich in dem Schaubild der Einfachheit halber auf eines, allerdings sehr bedeutsames beschränkt, nämlich die Wirtschaft.

Weiterhin muss man natürlich noch berücksichtigen, dass dieses System nicht das einzige System ist, sondern vielmehr noch rund 200 andere bestehen, womit wir bei der „Internationalen Umwelt“ wären. Die Grenze der Systeme nach außen ergibt sich dadurch, dass die Gesetze, die innerhalb der verschiedenen Systeme existieren, natürlich immer nur für das jeweilige System selbst Geltung besitzen.

Schaubild 1

Was nützt das Ganze? Es hilft uns, eine Grundlage der Demokratieerziehung, nämlich demokratische politische Systeme, ihre Funktionsweise und ihr Umfeld, systematisch zu erkennen. Das wird uns sehr zugute kommen, wenn es gilt, Veränderungen aufzuzeigen. Es hilft uns aber auch, die zentrale Zielgruppe von EDC, nämlich den Bürger bzw. die Bürgerin, nicht isoliert, sondern einmal im Zusammenhang — als ein Teil des demokratischen politischen Systems — betrachten und analysieren zu können.

2. Das EDC-„Modell“

Als Leitbild der EDC-Initiative des Europarats dient der kritische, sich einmischende, politisierte Bürger. Demokratie wird zudem nicht mehr als ein Ordnungsprinzip verstanden, dass sich allein auf die politische Ordnung beschränkt; die Vorstellungen gehen vielmehr in Richtung einer Demokratisierung aller Lebensbereiche: der Schule, der Familie, der Gemeinde aber auch der Wirtschaft.

Weiterhin wird intensiv darüber nachgedacht und zum Teil vehement gefordert, die Einflussmöglichkeiten für die Bürgerin über direktdemokratische Elemente, wie zum Beispiel Referenden, weiter zu vergrößern. Die politische Bildung hat den kritischen und mitwirkenden Staatsbürger entdeckt, dem es um Demokratie in allen Bereichen geht. Dennoch ist das implizit zugrundegelegte Modell für EDC dasselbe geblieben. Das veranschaulicht das nächste Schaubild, in dessen Rahmen einige wesentliche Aussagen zu EDC von der Website des Europarats zu finden sind.

Schaubild 2

Dort heißt es unter anderem:

  • dass es bei EDC darum geht, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen dazu zu bewegen, aktiv am demokratischen Leben in ihren Gesellschaften teilzunehmen, indem sie ihre Rechte wahrnehmen und ihre demokratischen Pflichten erfüllen;

  • dass es darum geht, lebendige demokratische Kulturen zu schaffen und auf Seiten der Bürgerinnen ein Zugehörigkeitsgefühl zu ihren demokratischen Gesellschaften und Systemen zu schaffen etc.

Mit anderen Worten: Die Grundlage für alle Überlegungen im Bereich der Demokratieerziehung bleibt der Staatsbürger eines demokratischen Nationalstaats und damit nur die Akteure und Vorgänge, die in Schaubild 2 innerhalb des roten Rechtecks angesiedelt sind.

3. Defizite des EDC-„Modells“

Im dritten Teil des Beitrags möchte ich zeigen, dass dieses Modell unzulänglich ist, weil es wesentliche Veränderungen ausblendet und so den Blick auf entscheidende Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge verstellt. Worin bestehen diese Veränderungen?

Aushöhlung des Nationalstaats durch Gründung und Weiterentwicklung der EG/EU

Die erste Veränderung hängt mit der Gründung und fortwährenden Weiterentwicklung der EG/EU zusammen. Das bedeutet nicht nur, dass sich zunächst sechs Nationalstaaten zu einer besonders engen Zusammenarbeit entschließen. Das an sich wäre nicht neu; internationale Bündnisse gab es schließlich schon immer. Aber hier geht es nicht nur um eine traditionelle internationale Zusammenarbeit, was sich daran zeigt, dass diese sechs Staaten neue gemeinsame Institutionen einrichteten und diesen eigenständige Befugnisse übertrugen. Außerdem gingen sie die Verpflichtung ein, sich bei Streitigkeiten über diese Befugnisse an Entscheidungen des dafür eigens eingerichteten Europäischen Gerichtshofs zu halten. Deswegen spricht man hier von supranationaler Zusammenarbeit.

Was hat das mit dem bisher Gesagten, was hat das mit EDC, was hat das mit dem Bürger zu tun? Das soll das nächste Schaubild zeigen.

Schaubild 3

Die Einrichtung supranationaler Strukturen bedeutet erstens, dass für die Bürgerinnen verbindliche Gesetze erstmals nicht mehr ausschließlich vom eigenen politischen System gemacht werden, sondern auch — zunächst nur in wenigen begrenzten Bereichen — von der EG. Damit werden gleichzeitig die Bereiche, die das eigene politische System autonom regeln kann, kleiner. Der Bürger kann und wird natürlich auch weiterhin das nationale Parlament wählen und damit die Regierung mit bestimmen, diese kann aber nicht mehr alle für ihn bedeutsamen Entscheidungen (allein) fällen. Und das wiederum bedeutet im Klartext, dass er an Einfluss- und Mitwirkungsmöglichkeiten verliert, weil er auf der EG-Ebene (noch) über keinen gleichwertigen, den nationalen vergleichbaren Partizipationsmöglichkeiten verfügt — und zwar in den allermeisten Fällen ohne dass ihm dies richtig bewusst wäre.

Wenn wir jetzt einen Sprung ins Jahr 2005 machen und uns das Schaubild 4 ansehen, können wir erkennen, wie sich die Situation noch einmal dramatisch verändert hat. Wie sehen diese Veränderungen im Einzelnen aus? Erstens ist aus der vorher kleinen Lücke in den Außengrenzen des politischen Systems ein riesiges Scheunentor geworden. Nach oben existiert praktisch keine Grenze mehr.

Das ist deswegen so, weil die EU heute in fast allen Politikbereichen mehr oder weniger (mit)bestimmt. Zwei Drittel der Gesetzgebung in den EU-Mitgliedstaaten werden durch die EU mit bestimmt. Symbolisch für diesen immensen Einfluss steht etwa die Währungsunion; nicht einmal mehr in diesem zentralen Politikbereich können die teilnehmenden Nationalstaaten autonome Politik betreiben!

Außerdem hat sich der Einzugsbereich für diese besondere, in der Politikgeschichte einmalige Konstellation mittlerweile auf 25 Staaten vergrößert. In Kürze werden es 27, mittelfristig noch mehr werden.

Und was heißt das für den EU-Bürger? Es könnte beispielsweise sein, dass er sein politisches Engagement verstärkt und nun nicht mehr nur wählt, sondern sich einer Partei angeschlossen hat. Dennoch ist aufgrund der eben geschilderten Situation sein direkter Einfluss auf die Politiker und die Politik, die sein Leben bestimmen, in der Bilanz drastisch gesunken!

Schaubild 4

Nun könnte man argumentieren dies sei nun mal eine Besonderheit der EU und ihrer Mitgliedstaaten und müsse von daher keinen Einfluss auf unsere Bemühungen im Rahmen von EDC haben. Dass bereits dies angesichts der Tatsache, dass es sich in der EU um 25 demokratische politische Systeme handelt, problematisch ist, dürfte offensichtlich sein. Hinzu kommt aber noch ein anderer Aspekt.

Die Tatsache nämlich, dass die EU nicht nur ihre Mitgliedstaaten, sondern — wenn auch in anderer Art und Weise — all diejenigen Länder, die Mitglieder werden wollen, ähnlich massiv, ja noch entscheidender in ihrer Politik beeinflusst. Die auf den im Jahre 1993 von der EU verabschiedeten Kopenhagener Kriterien basierenden Forderungen für Beitrittsländer sind ebenso umfangreich wie detailliert und kommen in der Summe der Aufforderung zu einem gravierenden Systemwechsel gleich, und zwar auch hier wieder so, dass die Bürgerin den Verhandlungsverlauf zwischen ihrer Regierung und der EU sowie das Verhandlungsergebnis praktisch kaum beeinflussen kann; die Mitwirkungsmöglichkeiten beschränken sich allenfalls auf ein "Ja" oder "Nein" in einem Referendum zum Beitritt — so es die Regierung denn ansetzt.

Folgen für die Bürgerinnen und Bürger

Das vorläufige Fazit lautet also, dass die Existenz der EU, so sinnvoll, nützlich und hilfreich — ja so unabdingbar — sie aus vielen Gründen ist, die Einflussmöglichkeiten auf die Politik für die Bürger der Mitgliedstaaten und der potentiellen Beitrittskandidaten gravierend einschränken. Das heißt, der grundlegende Mechanismus demokratischer Systeme, dass die Bevölkerungen an der Ausarbeitung der für sie bindenden Regeln durch Wahlen und andere Instrumente beteiligt sind, gilt nur noch in außerordentlich begrenztem Umfang.

Und jetzt stellen Sie sich einmal eine Bürgerin vor, die an einer unserer Veranstaltungen zur Demokratieerziehung teilgenommen hat und der wir beigebracht haben, dass sie mitwirken soll, der wir die vielfältigen Mitwirkungsmöglichkeiten innerhalb eines Nationalstaats aufgezeigt haben. Was wird sie sagen, wenn sie

  • als EU-Bürgerin feststellt, dass die Regierung, die sie wählt, ja eigentlich nur noch über einen kleinen Anteil der für sie und ihr alltägliches Leben wichtigen Bereiche allein entscheiden kann oder

  • wenn sie als Bürgerin eines EU-Beitrittslandes erlebt, dass politisches System und Gesellschaft geradezu revolutionär umgekrempelt werden, egal ob sie das will oder nicht?

Die Gefahr besteht, dass sie enttäuscht sein wird, weil wir sie nicht auf diese Realität eingestimmt, sondern in unseren EDC-Veranstaltungen ein Bild gezeichnet haben, das schon längst Vergangenheit ist. Und einige werden vielleicht so enttäuscht sein, dass sie sich resigniert von der Politik abwenden.

Aushöhlung des Nationalstaats durch Globalisierung

Und diese Veränderungen im Kontext der europäischen Integration sind ja noch lange nicht alles. Es kommen vielmehr noch zwei hinzu, die die Situation noch weiter erschweren. Da ist einmal das Phänomen der Globalisierung.

Schaubild 5

Für unseren Zusammenhang sind vor allem zwei Folgen der Globalisierung bedeutsam (Schaubild 5). Die erste besteht darin, dass durch die Globalisierung der Wirtschaft das nationale politische System massiv an Einfluss auf die Wirtschaft verliert, denn seine nationalen Gesetze gelten nicht in dem außerstaatlichen, globalen Rahmen, in dem sich die großen Wirtschaftskonzerne bewegen.

Zweitens trifft die globale Wirtschaft ohne politische Kontrolle immer mehr für die Bürger zentrale Entscheidungen, die in ihrer einschneidenden Wirkung auf das Leben des Einzelnen verbindlichen Entscheidungen der Politik gleichkommen.

Folgen für die Bürgerinnen und Bürger

Was macht der Bürger, wenn er feststellt, dass die Entwicklung der globalisierten Ökonomie sein Leben dramatisch beeinflusst und die von ihm gewählte Regierung geradezu hilflos daneben steht — wo bleibt da seine Partizipation?; wo bleiben die demokratischen Regeln, die er im Rahmen der politischen Bildung kennen gelernt hat?

Der Bürger ist sich dieser Situation in aller Regel nur sehr bedingt bewusst. Das hängt mit einer weiteren, sehr weitreichenden Veränderung zusammen, die meines Erachtens in der Demokratieerziehung in ihren Auswirkungen (noch) nicht ausreichend zur Kenntnis genommen wurde, der so genannten Medialisierung.

Medialisierung verdeckt komplexe Realität

Worum geht es dabei? Auch hier handelt es sich, wie bei der Globalisierung, um ein sehr vielschichtiges Phänomen. Ich werde mich wiederum auf zwei zentrale Aspekte konzentrieren. Medialisierung bedeutet einmal, dass die Medien weit mehr als je zuvor unser Leben prägen. Wir kennen nicht mehr die eigentliche (politische) Realität, sondern nur eine durch Medien vermittelte. Das ist umso fataler, als — und das ist der zweite Aspekt — Medien in ihrer politischen Berichterstattung ganz eigenen Gesetzen gehorchen. Da Nachrichten Bilder benötigen, wenn irgend möglich unterhaltsam sein sollen und daher nicht zu lang und zu komplex sein dürfen, weil sie nämlich "verkauft" werden müssen, gehen sie in die genau entgegengesetzte Richtung wie die reale Politik. Während reale Politik immer komplizierter und in ihren Prozessen immer langwieriger wird, bemüht sich die Berichterstattung zu vereinfachen, zu unterhalten, zu personalisieren etc.

Folgen für die Bürgerinnen und Bürger

Das führt in der Tendenz zu einer Situation, wie sie Schaubild 6 andeutet, dass nämlich den Bürgern suggeriert wird, nationale Politik und einzelne exponierte Personen, wie in Deutschland der Bundeskanzler, seien entscheidend, könnten Politik prägen, ihre brennenden Probleme lösen, und entscheidend sei es, daran — an nationaler Politik — zu partizipieren.

Mit anderen Worten: Das vorher angesprochene Problem, dass dem Bürger die Auswirkungen von Entwicklungen wie EU-Mitgliedschaft und Globalisierung überhaupt nicht klar sind, verschärft sich noch weiter.

Schaubild 6

4. Implikationen für Demokratieerziehung und politische Bildung

So weit diese Bestandsaufnahme der Veränderungen und damit auch der Herausforderungen, vor denen EDC zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht. Damit komme ich zum vierten und letzten Teil meines Beitrags, der Frage, welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Schaubild 7

Vom Staatsbürger zum Mehrebenen-Bürger

Als erstes gilt es einzusehen, dass die Prämissen nicht mehr stimmen. Aus unserem Staatsbürger, verstanden als Angehöriger eines Nationalstaats, der auch die zentralen politischen Rahmenbedingungen für sein Leben bestimmt, ist ein Mehrebenen-Bürger geworden (Schaubild 7). Mehrebenen-Bürger bedeutet, dass die für sein Leben verbindlichen Regelungen nun von der globalen Ebene, etwa der globalisierten Ökonomie, von der Europäischen Union und seinem Nationalstaat, aber auch seiner regionalen Einheit und seiner Kommune kommen, wobei der Anteil der beiden erstgenannten ständig zunimmt.

Mit Blick auf den im Rahmen des EDC-Projekts propagierten aktiven Bürger ist es wichtig zu erkennen, dass sich die Möglichkeiten für ein derartiges Engagement von Ebene zu Ebene gravierend unterscheiden. Während sie auf der kommunalen Ebene — da geht es um Fragen wie Ansiedlung einer Mülldeponie oder ähnliches — noch sehr ausgeprägt sind, nehmen Sie nach oben hin immer weiter ab, tendieren auf der globalen Ebene gegen Null.

Demokratie neu denken

Die zentrale Aufgabe im Rahmen der Demokratieerziehung in den nächsten Jahren muss es nach meiner festen Überzeugung sein, zusätzlich zu den vorhandenen Bemühungen dieses Bild des Mehrebenen-Bürgers in den Köpfen der Menschen zu verankern. Sie — gegen die Vereinfachung in den Medien — verstehen zu lassen, was ihr Leben bestimmt und weshalb das so ist. Denn wer versteht, der verliert das Gefühl von Ohnmacht, das Gefühl, unbekannten Kräften hilflos ausgesetzt zu sein.

Und er oder sie haben dann auch die Möglichkeit, an der Diskussion darüber teilzunehmen, wie Demokratie unter diesen neuen, völlig veränderten Rahmenbedingungen aussehen könnte. Denn darum, Demokratie neu zu denken, kommen wir nicht herum!

Wie Mehrebenen-Bürgerschaft vermitteln?

Umso dringlicher ist es, den Menschen das Bild dieser neuen Mehrebenen-Realität zu vermitteln. Nun ist das natürlich angesichts der Komplexität dieser Realität außerordentlich schwierig. Wie lässt sich das machen? Die Diskussion dieser Frage würde einen gesonderten Beitrag erforderlich machen. Ich muss es deswegen mit einem Hinweis auf meine eigenen Erfahrungen bewenden lassen.

Was sich sehr bewährt hat, ist die Konzentration auf einen Bereich, etwa die Umweltpolitik, und auf einen konkreten Fall, der im Idealfall die Lernenden auch noch direkt betrifft. Besprechen Sie diesen Fall und die mit ihm verbundenen Entscheidungsprozesse und lassen Sie die Lernenden auf induktivem Wege selbst herausfinden, dass — um beim Beispiel der Umweltpolitik zu bleiben — etwa im Falle Deutschlands die EU mit ihren gesetzlichen Vorgaben eine zentrale Rolle spielt, aber in der Durchführung und Umsetzung die anderen Ebenen, die des Nationalstaats, die der Bundesländer und auch die Kommunen mit beteiligt sind. Die Einsicht, die sich damit verbindet, ist wirklich bemerkenswert und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Damit bin ich am Ende meiner Ausführungen angelangt, bei denen es darum ging, Herausforderungen für die Demokratieerziehung zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu skizzieren. Diese Herausforderungen sind angesichts der Tatsache, dass wir uns in einer Zeit des Umbruchs, der Neubestimmung von Demokratie, befinden, gewaltig. Dennoch ist es unabdingbar und dringlich, aber auch eine sehr reizvolle Aufgabe, sich Ihnen zu stellen.

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im web


Kleines Portal für Menschenrechte: www.ljudskaprava.com

Ingrid Halbritter M.A.

Die Organisation Initiative 21 aus Tuzla in Bosnien-Herzegowina arbeitet hauptsächlich in der außerschulischen Jugendbildung und hat 2003 und 2004 eine Seminarreihe für Jugendliche zum Thema Menschenrechte organisiert. Die Teilnehmer begnügten sich nicht nur mit neuem Wissen, sondern wollten es auch weitergeben: sie produzierten einen Videofilm, gingen in Mittelschulen und leiteten Workshops für ihre Altersgenossen, und bauten die hier besprochene Webseite auf, um anderen Jugendlichen den schwierigen Zugang zum Thema Menschenrechte zu erleichtern. Das Gesamtprojekt wurde von der Europäischen Kommission finanziert.

Die Website ist im Prinzip ein kleines Portal in einer Sprache, die in Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Serbien-Montenegro, Kosovo und Mazedonien verstanden wird und damit sicher eine Seltenheit in der Region Südosteuropa. Sie hat zwei Hauptelemente: die Online-Version des Handbuchs „Kompass“ in lokaler Sprache (siehe Besprechung der Organisation Independent) und eine sehr umfangreiche Linkliste. Die Linkbezeichnungen sind meistens in lokaler Sprache, Englisch muss man dennoch beherrschen, denn die meisten Websites oder Dokumente, zu denen die Links führen, sind auf Englisch.

Die Linkliste ist nach Institutionen und nach Themen geordnet (zum Beispiel „Behinderte“, „Flüchtlinge und Asylanten“, „Minderheiten“, „Bildung“ usw.). Bestechend ist ihr Umfang: hier ist tatsächlich alles an einem Ort zu finden. Wer also Englisch kann, „Serbokroatisch“ versteht und nach internationalen Menschenrechtsdokumenten sucht, wird hier mit Sicherheit fündig werden.

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